Ein “Cool-Climate”-Syrah aus der Pfalz
Weil das Thema mich wirklich interessiert und ich sonst nicht dazu käme, überhaupt an der Weinrallye #61 teilzunehmen, vor allem aber, weil der Wein, von dessen Verkostung im Folgenden berichtet werden wird, mich tief und nachhaltig beeindruckt hat, erlaube ich mir ausnahmsweise, einen alten Beitrag bei den Glasklaren Gefühlen hier in Allem Anfang… noch einmal zu posten.
Um einen Syrah aus Deutschland soll es im Folgenden gehen. Der Klimawandel macht’s möglich: auch in Deutschland liefert der Syrah inzwischen höchst respektable Ergebnisse. Und dazu muss man sich nocht nicht einmal auf das nomimal wärmste der deutschen Anbaugebiete - Baden – beschränken. Obwohl auch dort mit dem Japis und dem Gestad vom von mir hochgeschätzen Hanspeter Ziereisen Hochrespektables zur Verfügung gestanden hätte, habe ich mich für einen Wein aus der Pfalz entschieden. Genauer gesagt für ein Gewächs vom in Sachen Rebsorten ohnehin höchst umtriebigen Weingut Knipser, das Syrah schon seit 1993 im Versuchsanbau hat. Bei der vorliegenden Flasche handelt es sich – das fast schamhaft in 7 Punkt auf dem Etikett versteckt – um eine veritable Auslese.
Kurz nach dem Öffnen…
Ein erster Schluck nach dem Ziehen des Korkens: kein TCA, angesichts der immerhin rund 40 Euro, die der Wein gekostet hat, eine gewisse Erleichterung. Viel Säure ist da, viel dunkle Frucht und jene deutliche Note von weißem Pfeffer, die ich mit keiner Rebsorte so stark verbinde, wie mit Syrahs aus (relativ) kühleren Regionen (Veltliner und ihr “Pfefferl” sind ein anderes Thema). Aber angesichts von 18 bis 20 Monaten Ausbau in gebrauchtem Barrique und seiner (für einen Syrah) extremen Jugend wird der Wein erst einmal in die Karaffe dekantiert und kommt danach wieder zurück in die Flasche.
3 Stunden später:
Wow! Der Wein beginnt sich zu öffnen. Das Holz war auch schon beim ersten Probieren gut integriert, aber jetzt gesellt sich zu dem schon erwähnen Syrah-Pfeffer und einer gewissen kühl mineralischen Note mehr und mehr Frucht. Vor allem schwarze Johannisbeere ist da, begleitet von etwas Sauerkirsche. Ein bunter Korb voller Früchte, ab und an kullert eine einzelne Heidelbeere hervor, die ganz kurz durch etwas Pflaumenmus gerollt ist. All diese Früchte liegen in einem großen Korb, der sorgsam mit samtweichem, frisch gegerbtem und allerfeinsten Leder ausgekleidet wurde und zum krönenenden Abschluß bestäubt mit feinstgemahlenem Gestein. Der Wein besitzt eine Mineralität, die ihm ein wirklich abgründige Tiefe verleiht.
Zwei Dinge scheinen mir jetzt schon ganz besonders bemerkenswert: Die 14% Alkohol sind – jedenfalls bei den 16° C Trinktemperatur, auf die ich den Wein hinuntergekühlt habe – praktisch nicht zu spüren. Und da ist auch überhaupt nichts Breites oder Marmeladiges, wie so oft bei Weinen dieser Rebsorte aus südlicheren Gefilden. Klar, kein Wunder, denke ich – ist ja auch ein “Cool Climate” Syrah. Dann fällt mir Punkt zwei auf: Denn was diesem Wein auch völlig abgeht, sind die bei Syrahs von der nördlichen Rhone auch bei Spitzenwein-Erzeugern auf regional-folklorehaft vorhandenen Töne von Bret. Ja, da ist zwar der rebsortentypische Ton von Leder. Aber der ist eben blitzsauber. Nichts animalisch-schweißiges, kein Pferdesattel, keine nassen Hunde oder mit welchen Analogien die Weinsprache auch sonst immer Töne zu beschreiben versuchen mag, die in meinen Augen auf nichts anderes als auf Schlamperei im Keller zurückzuführen sind. Oft hört man dann, dass dies so sein müsse, den Weinen weitere zusätzliche Tiefe verleihe, die animalischen Töne zu regionaler Typizität und Terroir gehörten. Dieser Wein hier zeigt, was von derlei Reden zu halten ist – es ist da Geschwätz von Leuten, die ein ernsthaftes bakteriologisches Problem im Keller durch vinologisches Geschwurbel schönzureden versuchen.
Ich freue mich jetzt schon auf morgen, wenn ich den Wein nach 24 Stunden Sauerstoff-Kontakt noch einmal probieren werde…
24 Stunden später:
Ein Eifelmaar, ach was, der Mariannengraben voller schwarzer Johannisbeeren. Jede einzelne davon mit Pflaumenmus und feinem Granitstaub glattpoliert. Wobei bei genaueren Hinsehen, jede zwanzigste Beere hat sich als Johannisbeere verkleidet. Merkt man kaum. Aber wenn man genau hinsieht, erkennt man die Hollunder-Racker eben doch. Genau, wie die drei Heidelbeeren, die sich im Glas versteckt haben. Hach, macht dieser Wein jetzt Spaß. Und immer noch ist von den 14% Alkohol kaum etwas zu spüren. Stattdessen jede Menge frische und angenehme Säure. Lang ist er jetzt übrigens auch. Oder besser: länger. Denn eine gute Länge hatte er schon am Anfang…
48 Stunden später:
Die Johannisbeeren befinden sich inzwischen auf dem Rückzug. Da ist zwar immer noch Frucht, aber die geht jetzt eher in Richtung Holunder. Dafür kommen jetzt die mineralischen Töne des Weines wieder besser zum Vorschein. Und auch dieses samtweiche frischgegerbte Leder, mit dem das Glas poliert scheinbar poliert wurde, ist jetzt wieder wahrnehmbar. Gut, die Frucht befindet sich zwar jetzt auf dem Rückzug – aber von Müdigkeit ist der Wein weit entfernt. Er ist immer noch von großer Tiefe und hoher Komplexität. Nicht schmeichelnd, sondern Aufmerksamkeit und Konzentration fordernd. Ein Wein wie ein Dietmar-Dath-Essay – oder einer zum Lesen eines solchen…
72 Stunden später:
In der Nase findet sich nur noch etwas Pflaumenkompott – moderat winterlich gewürzt. Dazu – oder besser: anstelle von – kommt jetzt tiefe und sehr komplexe Kräutermischung. Thymian, Zitronenthymian und Rosmarin vor allem, aber auch ein paar Petersilienblätter und etwas Kerbel blitzen hervor. All das geht mit Hauptaroma “Weißer Pfeffer” eine innig und untrennbare Verbindung ein. So ungefähr, stelle ich mir vor, müsste Bouquet Garni aus dem Noma schmecken. Nicht vordergründig aufdringlich, sondern von fast kühler Eleganz. Kennt ihr das, wenn unter der Leitung eines Spitzendirigenten ein wirklich gutes symphonisches Orchester in seinen großen Momenten in den Tutti zu einem einzigen und gleichzeitig fast unendlich komplexen Eindruck verschmilzt? Und das nicht laut oder polternd sondern mit fast spährischer Eleganz? Genau soetwas habe ich gerade im Glas…
Ein kurzes Fazit zum Schluss:
Obwohl der Wein auch nach drei Tagen weit davon entfernt ist, am Ende zu sein, werde ich den Rest heute Abend trinken. Weil er im Moment so toll ist. Das Finale zum Finale, sozusagen.
Und dann war da noch…
Die Reserve – der Website des Winzers kann man entnehmen, dass 2007 auch erstmals eine Reverve dieses Syrahs gefüllt wurde. Ich gebe zu: ich bin in aller Regel kein Freund dieser extrararen Prestige-Abfüllungen. Schlimm genug, dass die Produktionsmenge dann so knapp ist, dass die Weine für normalverdienende Weinfreunde in unerschwingliche Preisregionen entschweben. Deutlich schwerer wiegt allerdings noch, dass das Fehlen des Spitzenmaterials die “normale” Cuvee nur allzu oft empfindlich und deutlich spürbar schwächt.
Trotzdem gilt natürlich: Sollte diese Reserve in der Lage sein, diesen Wein hier tatsächlich noch einmal deutlich zu übertreffen, dann darf man darauf wirklich gespannt sein. Ich werde davon hoffentlich noch berichten können – besitzt doch ein mir sehr lieber Weinfreund eine Flasche davon und hat diese zur gemeinsamen Verkostung Seite gestellt.
Facts ‘n Figures:

2007 Syrah, Auslese trocken
Weingut Knipser, Laumersheim in der Pfalz
18 bis 20 Monate ausgebaut in neuen und gebrauchten Barriques
gekauft im Kölner Weindepot für 41 €
Dies war ein Beitrag zur Weinrallye # 61: Syrah - Shiraz - ein Global Player

Unter der Gastgeberschaft von Susanne Werth-Rosarius