Sektlaune… (a.k.a. alte Champagner)
Es gibt Einladungen, die sollte man tunlichst wahrnehmen. Eine zum Dinner beim Bundespräsidenten, zum Beispiel. Oder eine zum 5uhr-Tee bei der Queen. Ähnlich wichtig, wenn auch vielleicht formal nicht ganz so hochrangig ist eine vom Lebensmittelhändler des Vertrauens. Der zudem übrigens auch Herr über jene Kellerräume ist, in denen ich seit nunmehr fast 10 Jahren einmal monatlich mit guten Freunde gute Weine probiere. Wenn also dieser Mann zusammen mit seiner Frau zu einer Probe in seine privaten Gemächer lädt, sollte man tunlichst zusehen, dass man sich den Abend freihält. Da kann in der Stadt zur gleichen Zeit die Nacht des Museums so lang sein, wie sie will - man hat definitiv etwas besseres vor…
…Vor allem, wenn als Grund der Einladung mit bemerkenswerter Nonchalance gesagt wird, man wolle “einfach mal ein paar ältere Champagner probieren” und vielleicht auch“eine Kleinigkeit dazu essen”. Janee, is klar. Weisse Bescheid, ‘ne? Dankenswerter Weise hat der Hausherr die “Keinigkeit”, die sich dann wie erhoffterwartet als vollständiges Menü herausstellte, inzwischen höchst präzise dokumentiert und auch bebildert. Er will erfreulicherweise im Laufe der Woche sogar noch die dazugehörenden Rezepte nachreichen. Den bei ihm 2 Einträge zuvor schon erwähnten Schokoladen-Olivenöl-Lolli werde ich auf jeden Fall einmal nachmachen.
Ich kann mich an dieser Stelle also darauf beschränken, bei meinen Gastgebern zum einen noch einmal für den außerordentlich schönen Abend zu danken und zum anderen ein oder zwei Bemerkungen zu den verkosteten Champagnern nachzutragen. Die allesamt, wie schon im Titel erwähnt, älteren Jahrgangs und ebenfalls ausnahmslos auch schon seit geraumer Zeit degorgiert* waren.
Der Abend begann mit einer 1993 La Grande Dame Brut von Veuve Cliquot, die speziell für den nun nicht überragenden Jahrgang von vorzüglicher Qualität war. In Ehren gereift, aber alles andere als müde, mit intensiven nussigen Aromen und immer noch sehr schöner präsenter Säure. Es sollte einer der besten Champagner des Abends bleiben.
Darauf folgten 82er Menger Krug Grauer Burgunder Brut de Brut und 82er Barancourt Brut. Bei gaben sich schon von der Farbe her (in etwa so wie ein hellerer Single Malt, wie zum Beispiel Oban) als deutlich gereifte Exemplare zu erkennen. In Nase und am Gaumen setzte sich der Eindruck fort. Oxidative Töne und Altersnoten überwogen. Beide waren zwar noch trinkbar, aber - zumindest für mich - nur aus eher akademischem Interesse.
82er Launnoise & Pere Fils Le Mesnil sur Oger 1er Cru Blanc de Blancs und 85er Drappier Grand Sendrée Brut: Wenn ich mich recht erinnere, gefiel mir Drappier etwas besser (ich habe keine Notizen gemacht und schreibe aus der Erinnerung), aber auch diese Beiden waren deutlich jenseits ihres Höhepunkts.
76er Heidsieck Monopol Rosé Brut und 86er Gillol Oppenheimer Herrengarten Riesling Brut de Brut. Der Heidsieck zeigte anfangs deutlich schweflige Noten wie ein frisch abgebranntes Streichholz, die sich aber mit der Zeit zunehmend legten. Danach wurde er besser trinkbar ohne dabei besonders zu glänzen. Der Gillol litt unter einen sehr unangenehmen muffig-schimmligen Fehlton und war defintiv untrinkbar.
90er Mumm Grand Cordon Rouge Brut und 90er Taittinger Comtes de Champagne Blanc de Blancs Brut. Das bitterste Erlebnis des Abends: Der Taitinger korkte. Und ließ gemeinerweise hinter dem deutlichem Korkschmecker immer noch ahnen, was für einen großartiger Champagner wir da verpaßt haben. Der Mumm war angenehm zu trinken, zeigte im Glas sogar etwas wie eine Entwicklung, aber keine wahrhafte Größe.
97er Stein St. Aldegunder Klosterkammer Riesling brut und 97er Stein St. Aldegunder Klosterkammer Riesling brut “C”. Ein sehr interessanter Vergleich. Beide Sekte lagern 5 Jahre auf der Hefe. Der Unterschied besteht jedoch neben einer geringfügig veränderten Dosage darin, dass der “C” – dessen Initial im übrigen für “Champagner” stehen und eine etwas andere Charakteristik als beim klassischen Riesling-Sekt signalisieren soll - während dieser Zeit immer wieder aufgeschüttelt wird, damit sich die mit der Hefe verbundenen Aromen intensiver im Sekt verteilen. Das Ergebnis ist wirklich verblüffend. Während der normale Sekt ein klassischer, eher filigraner, knochentrockener (und darob fast ein wenig karg und stahlig wirkender) Riesling-Sekt ist, dem man in seiner kompromisslosen Art seine Herkunft aus dem Hause Stein deutlich anmerkt, ist der “C” ungleich fülliger, in seiner Textur deutlich cremiger, und im direkten Vergleich fast barock wirkend. Beide Sekte waren übrigens deutlich gereift, aber immer noch mit Vergnügen trinkbar.
88er Krug Brut und 90er Salon Blanc de Blancs. “Das Haus Krug fängt da an, wo andere Champagner-Häuser aufhören”, so tönte es mir vor Jahren einmal mehr als nur selbstbewust aus dem Munde jener PR-Dame entgegen, die mit der Führung unserer kleinen Gruppe durch ihr Haus beauftragt war. Auch wenn dieser Anspruch angesichts der Preisgestaltung des Hauses fast nachvollziehbar scheint – ich persönlich habe dem Stil des Hauses bislang nie so viel abgewinnen können. Sicher, Krug-Champagner sind ungemein Komplex und vielschichtig, aber in aller Regel eben auch recht oxidativ und alles andere als fruchtig. Wenn man mir die Wahl lässt zwischen einem Krug und einen Roederer Cristal schlage ich mich ohne zu zögern auf die Seite des vielbesungenen Lieblings aller mit zentnerschwerem Bling-Bling behangenen Hip-Hop-Stars: auf die des Cristal. Der Krug gestern Abend mußte sich übrigens sogar deutlich seinem stilistisch durchaus vergleichbaren Konkurrenten aus nicht ganz so snobistischem Hause, dem Salon, geschlagen geben. Selbst ich, der ich diese Stilistik eigentlich nicht sonderlich schätze, mußte anerkennen, das letzterer der definitiv beste Champagner des Abends war. Dicht, tief und vielschichtig, dabei ungewöhnlich lang - ein großer Champagner.
95er Dom Perignon Rosé bildete den Abschluß des Abends. Cremig, dicht und sehr, sehr “weinig”. Erinnerte nicht nur mich in seiner Aromatik an einen gut gereifren Ahrburgunder der klassisch alten “deutschen” Schule. Für mich mußte er sich aber an diesem Abend zusammen mit dem Krug und hinter Salon und Grand Dame mit der Bronzemedaille begnügen.
Das Fazit des Abends? Alles in allem muß man feststellen, das das Trinken von Champagnern dieses Alters, jedenfalls wenn sie schon vor längerer Zeit degorgiert wurden, ein recht teures Lotteriespiel ist. Ich bin mir beispielsweise alles andere als sicher, ob nicht bei zwei anderen Flaschen der Vergleich zwischen Salon und Krug nicht genau andersherum ausgefallen wäre. Wer trotzdem unbedingt ältere Champagner probieren und dabei die Ausfallquote in Grenzen halten möchte, sollte jedenfalls nach Flaschen Ausschau halten, die erst vor kurzem degorgiert* wurden.
* Zur Klärung dieses Begriffs empfehle ich den Artikel über Champagner und seine Herstellung in der Wikipedia. Hier nur ein kurzer, stichwortartiger Exkurs in die Schaumweinherstellung. Alle Sekte - also auch die Champagner - durchlaufen eine 2. Gärung, bei der dem Grundwein Zucker und Hefe zugesetzt wird. Die Flasche wird dann verschlossen (bemerkenswerterweise mit einem Kronkorken) und für eine gewisse Zeit sich selbst überlassen. Da das Gärungsnebenprodukt Kohlendioxid durch die verschlossene Flasche nirgendwohin entweichen kann, löst es sich im Wein und voilá, fertig ist der Schaumwein.
Nun muss nur noch die ursprüngliche Hefe wieder aus dem Sekt entfernt werden und genau diesen Prozeß nennt man degorgieren. Das geschieht - besonders bei Spitzenjahrgängen - nicht mit der gesamten Jahrgangsproduktion auf einmal, sondern chargenweise im Laufe der Jahre. Dieses degorgieren erst nach längerer Lagerung auf der Hefe nennt sich Dégorgé tardivement.
Da aber der während der Lagerung auf der Hefe eingesetzte Kronkorken wesentlich gasdichter ist, als der nach dem degorgieren verwendete Naturkorken, können sich zwei Flaschen ein und desselben älteren Champagnerjahrgangs, die zu deutlich unterschiedlichen Zeitpunkten degorgiert wurden, ganz erheblich im Geschmack voneinander unterscheiden. Dazu kommt auch noch die Tatsache, dass die längere Lagerung zusammen mit der Hefe natürlich auch die mit der Hefe verbunden Aromen deutlich intensiviert.

