Zitrusfrüchte aus Sizilien (a.k.a. Loblied der Reife)

Manchmal, leider viel zu selten, bekommt man die Gelegenheit Produkte zu erwerben, von einer Qualität wie sie leider sehr, sehr rar geworden ist. So gut und großartig, dass man sich nach dem Probieren kaum entscheiden kann, ob man nun überwältigt vor Begeisterung in lauten, glückstrunkenen Jubel verfallen soll, oder aber im Gegenteil in lautes Heulen und Wehklagen - angesichts der Erinnerung an den traurigen Ersatz, mit dem man sich im Normalfall im Supermarkt abspeisen lassen muss. Man kann diese Erfahrung mit Produkten auf höchstem Niveau machen, wie zum Beispiel hier mit Austern, aber auch mit vermeintlich ganz einfachen, wie den Zitrusfrüchten oben auf dem Bild…

Der auch ob seines normalen Warenangebots vorbehaltlos empfehlenswerte Kölner Olivenöl und Feinkost-Versand Olive e Piu erweitert einmal im Jahr seine Produkt-Palette um ein hochgradig interessantes Produkt, nämlich Zitrusfrüchte aus Sizilien. Die sind von einer Qualität, wie sie sonst wirklich nur äußerst selten zu finden ist. Selbstverständlich sind die Früchte unbehandelt (jedoch nicht Bio-zertifiziert), vor allem aber sind sie am Baum voll ausgereift und erst dann geerntet und nach Deutschland exportiert.

Ein Procedere, dass für den normalen Handel heutzutage nicht mehr praktiziert wird, wohl vor allem, weil es mit verringerter Haltbarkeit und deutlich anspruchsvollerem Handling der Früchte einhergeht. Der Handel verlangt nach stoßfesten Früchten, weshalb agrarindustriell produzierte Früchte in aller Regel noch (recht) unreif vom Baum geerntet werden. 

“Genau, wie bei den Bananen auch!”, wird jetzt der ein oder andere still und leise murmeln und hat damit recht und unrecht zugleich. Denn ja, genau wie bei den Bananen werden auch Orangen meist grün und unreif geerntet und in Reifekammern dann “just-in-time” nachgereift. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Bei der Banane reift auch im Inneren der Frucht etwas nach. Die Stärke wandelt sich nach und nach in Zucker und die Früchte werden so süßer. Bei der Orange passiert im Inneren nach dem Pflücken rein gar nichts. Das praktizierte “Nachreifen” in der Reifekammer dient nur der Herstellung der perfekten Farbe. Man erhält man eine Frucht, die äußerlich ausgereift scheint aber in ihrem Inneren so unreif ist, wie am Tag ihrer Ernte.

Und natürlich auch genau so schmeckt. Denn letztlich ist es genau wie beim Wein: Grünes, noch unreifes Lesegut sorgt auch dort zuverlässig für schmale, karge Weine mit entsprechenden unschönen Tönen. Erst physiologisch reifes Lesegut (zuverlässiges Anzeichen: die Kerne in den Trauben beginnen braun zu werden!) bringt volle und komplexe Weine hervor.

Genau wie bei den Früchten oben auf dem Bild. Die wurden letzten Donnerstag erworben (die getrockneten Blätter sind dem Umstand geschuldet, dass der Korb zwischenzeitlich in der Nähe der Heizung stand), hingen aber bis Sonntag oder Montag tatsächlich noch in Sizilien am Baum. Der Unterschied zur Supermarktware ist - man kann es nicht anders ausdrücken - dramatisch. Wirklich, es treibt einem die Tränen in die Augen zu schmecken, wie unglaublich gut eine einfach Orange sein kann, wenn sie denn Gelegenheit hatte, auszureifen. Nicht nur einfach süßer, nein insgesamt harmonischer und runder, einfach dichter.

Gleiches gilt auch für die Zitronen im Korb*. Ja, natürlich sind die sauer - aber zugleich von einer ganz leichten Süße umwoben. Insgesamt wirken auch diese Früchte vielschichtiger, fülliger, nicht so eindimensional wie die gewöhnliche Supermarkt-Ware. Mit einem Wort: Sie sind wirklich aromatisch. Ein Adjektiv, dass leider in Bezug auf viele Lebensmittel anscheinend zum Aussterben verdammt ist. Tomaten und Erdbeeren sind hier die wohl augenfälligsten und traurigsten Beispiele.

Ob sich diese Entwicklung im “normalen” Handel noch einmal wird umkehren lassen, darf wohl zurecht bezweifelt werden. Mein Eindruck ist, dass selbst im Bio-Handel inzwischen die hohlen Schönheiten die hässlichen Entlein mit den inneren Werten mehr und mehr verdrängen. Um so wichtiger ist es, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, Händler und Produzenten zu unterstützen, die sich diesem Trend widersetzen.

*Über die dritte Frucht im Korb, die Cedro oder auch Zedrat-Zitrone (ungefähr bei 10:00 Uhr im Korb liegend) folgt in den nächsten Tagen noch ein gesonderter Eintrag.

posted Vor 2 Jahren on März 31st, 2010 at 08:06 /
tags: Cedro Citrus Medica Olive e Piu Sizilien Zedrat Zitronatzitrone
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