Wenn Betty Grable ein Wein wäre… (a.k.a. St. Antony revisited)
Über die Versuche des Weinguts St. Antony, die ausgetretenen Pfade des Wein-Marketings zu verlassen hatte ich ja schon einmal an anderer Stelle berichtet.
Gestern nun fand sich vor meiner Tür ein weiteres Paket aus Rheinhessen, darin 2 weitere Flaschen des aktuellen Jahrgangs für die zwote Hälfte des – für meinen Geschmack vielleicht eine Spur zu reißerisch benannten – “St. Antony Pre-Test”.
Diesmal sind es der 09er Weißburgunder und der 09er Rotschiefer, die zur Verkostung anstanden…
Der Weißburgunder ist einer der üppigeren Vertreter seiner Rebsorte. Ein kräftiges Bouquet nach vollreifen gelben Früchten, Honigmelone gepaart mit etwas Aprikose und einem Hauch von reifer Mango. Dazu gesellt sich ein ganz leichter Hauch von Vanille, der zusammen mit der ebenfalls sortentypischen cremig-buttrigen Struktur für eine breite Fülle am Gaumen sorgt. Der Wein hat eine ausgesprochen milde und zurückhaltende Säure (für den hartgesottenen Rieslingtrinker vielleicht eine Spur zu zurückhaltend), und ist ein nahezu perfektes Beispiel, um zu demonstrieren, was Weinfreunde unter dem Begriff “Schmelz” verstehen. Von Zeit zu Zeit blitzen keck und vorwitzig die für Weißburgunder ebenfalls nicht untypischen Haselnuss-Noten auf. Ein schöner Wein, wenn auch nicht unbedingt etwas für Eleganztrinker. Eher Betty Grable als Catherine Deneuve, um mal eine Analogie zu bemühen.
Mit 9,80 gerade noch im einstelligen Euro-Bereich eingepreist und dem im direkten Vergleich zum Schraubverschluss wertiger anmutenden Vinolock (Glas-Stopfen) verschlossen, signalisiert der Riesling namens Rotschiefer seinen Status als Flagschiff der “einfacheren”, lagenlosen Weine von St. Antony.
Eines vorab: Der Rotschiefer ist zwar durchaus vielschichtig und auch von einer gewissen Tiefe, wer aber angeregt vom Namen die tiefe Mineralität, die Rotschiefer-Böden Riesling zu verleihen vermögen, zu finden hofft, wird leicht enttäuscht werden. Doch zugegeben, ich als Mosel-Freund bin da mit den Weinen von beispielsweise Clemens Busch vielleicht auch etwas zu verwöhnt.
Eine gewisse Minerarlität kann man dem rheinhessischen Rotschiefer zwar ebenfalls nicht absprechen, aber eigentlich stehen bei ihm der cremig-füllige Schmelz und die üppige, fast barocke Aprikosen/Pfirsich-Frucht im Vordergrund. Dazu gesellt sich eine gewisse stützende Restsüße (ohne die Analysewerte zu kennen würde ich trotzdem vermuten, der Wein ist sicherlich im oberen Bereich dessen angesiedelt, was das Gesetz noch als “trocken” definiert). Deutliche wahrnehmbare Hefenoten und ein leichter Kohlensäure-Brizzel verweisen zudem auf die noch große Jugend des Weins.
Alles in allem ist das ein Wein, der - auf durchaus ansehnlichem Niveau - einfach Spaß macht. Da ist nichts, dass erst “verstanden” werden will oder zum Genuss noch lange reifen müsste (Obwohl der Wein sicher Potential für vier bis 5 Jahre hat). Da ist nichts sperriges oder störendes. Gut, eine paar Minuten im Glas braucht er schon, bevor er sich zu entwickeln beginnt. Aber dann hat man ehrliches und unkompliziertes Riesling-Trinkvergnügen vor sich. Und das mit ausreichend Statur und Tiefe, um sich bei Tisch auch in Situationen durchzusetzen, in denen man normalerweise eher zu einen Rotwein greifen würde (zu einem Kalbsbraten könnte ich ihn mir beispielsweise durchaus gut vorstellen).
Wenn man denn unbedingt etwas bemängeln möchte, dann vielleicht einen gewissen Mangel an Individualität. Der Rotschiefer ist zwar ein perfekt gemachter Wein: er ist rein, sauber, rund, harmonisch, sogar ziemlich lang – aber da nichts, was hängen bleibt oder was dafür sorgen könnte, dass ich ihn blind wiedererkennen würde. Aber das zu erwarten ist von einem Wein in dieser Preisklasse vielleicht auch eine Spur zu viel verlangt.
Abschließend noch ein Wort zu St. Antony. Ich halte die Aktion des Guts nach wie vor für im höchsten Maße bemerkenswert. Hier hat sich jemand VORHER eine Menge Gedanken gemacht, dann Geld in die Hand genommen und schließlich zielstrebig und ziemlich stimmig diese Aktion realisiert. Mit einigem Erfolg, wenn ich mir das Echo auf die erste Runde so ansehe. Wenn man weiterhin so umtriebig, experimentierfreudig und innovativ bleibt, dann darf man gespannt sein auf das, was man in Zukunft noch aus Nierstein hören wird. Auf die Weine darf man es allemal…

