Gewürztraminer von Schäfer-Fröhlich

Hmm, Gewürztraminer, also. Gemeinhin etwas, dass der Weinfreund, insbesondere der Verehrer des Rieslings, eher mit akademischem oder folkloristischem Interesse denn mit echter Begeisterung zur Kenntnis nimmt. Brandiger Alkohol, keine Säure und riecht wie das Parfüm der Oma. Sollte man doch den Touris im Elsaß überlassen.

Sollte man? Immerhin gibt es ja auch den ein oder anderen Spitzenwinzer, der sich nicht scheut, sich mit der Rebsorte zu beschäftigen und die Ergebnisse sogar in seine Preisliste mit aufznimmt. Winzer, wie Tim Fröhlich, aktuell amtierender Gault Millau Winzer des Jahres, zum Beispiel. Jemand, den ich nicht nur wegen seiner fruchtigen Spitzen-Rieslinge schätze, sondern auch wegen des ebenso fruchtig-spritzigen Weißherbst’, dessen 2007er Ausgabe ich für einen der, wenn nicht gar DEN besten Rosé deutscher Herkunft. Wenn so einer sich also mit Gewürztraminer abgibt, könnte man ja doch mal…

Könnte man! Und der Versuch lohnt. Folgend also das kurze Protokoll einer dreieinhalbstündigen Reise mit dem…

Meddersheimer Edelberg 2008, Gewürztraminer trocken
Weingut Schäfer-Fröhlich, Nahe

Anfangs bestätigt der Wein die Vorurteile, die man gegenüber seiner Rebsorte so hat: Wenig Säure, dafür um so mehr Alkohol und ein Bouquet wie das Parfüm meiner Oma. Ein leicht ins Penetrante spielender Rosenduft, um genau zu sein. Und doch liegt unter den Parfüm-Schwaden etwas verborgen, dass schon ganz am Anfang andeutet, dass noch mehr zu erwarten ist. Tiefe. Extrakt. Kann ein Gewürztraminer wirklich mineralisch schmecken?

Kann er. Und tut er. Mit zunehmender Luft noch mehr. Mit der - und etwas Zeit - entwickelt sich nach ca. einer Stunde auch der Rosenduft zunehmend in Richtung Veilchen. Dazu gesellt sich eine schöne Fruchtnote: Litschi. Normalerweise nicht so ganz mein Ding, aber in dieser Kombination durchaus anregend. Die Entwicklungsreise des Bouquets geht aber weiter. Das Veilchen wird mehr und mehr zur gleichnamigen Pastille. Und zum floralen Ton gesellt sich tatsächlich die Andeutung von Anis und Lakritze. Yummie!

Nochmal zwei Stunden später: Wow, was für eine Entwicklung! Der Wein ist jetzt auf seinem Höhepunkt. Die anfangs vordergründig wirkenden floralen Töne sind vollständig verwoben mit dem Extrakt und der Frucht des Weins. Echte Tiefe und Komplexität haben sich entwickelt. Eine deutliche Fruchtsüße - obwohl der Wein nominal trocken ist - maskiert die immerhin 13,5% Alkohol. Letztere sind jetzt der einzig verbliebene klitzekleine Kritikpunkt. Aber hinreichend kalt getrunken, fällt auch der Alkohol nicht so ins Gewicht.

Mein Fazit: Der Gewürztraminer trocken von Tim Fröhlich ist sicher kein ganz großer Wein. Trotzdem ist es einer, den man ernstnehmen sollte. Der Wein ist wie gemacht, um Skeptikern zu zeigen, was man aus dieser Rebsorte - auch im trockenen Bereich - herausholen kann. Mit seiner expressiven Aromatik ist das sicher kein Wein für alle Tage und auch keiner für alle Gelegenheiten. Aber als Begleiter zu beispielsweise schärferen asiatischen Gerichten (wir hatten dazu ein Gemüse-Curry) ist er nahezu ideal. Alles, was er braucht, ist ein wenig Luft und die Zeit, um sich zu entwickeln. Die nächste Flasche würde ich deswegen tatsächlich versuchsweise eine Stunde vorher dekantieren.

Zu kaufen gibt es den Wein für 8,30€ zum Beispiel hier, die - sich allerdings noch im Aufbau befindliche - Homepage des Weinguts findet sich hier.

Dies ist ein Beitrag zur 33. Ausgabe der Weinralley, deren Gastgeber diesmal Robert vom Blog Vinissimus ist. Die anderen Beiträge zur Ralley finden in dieser Liste auf seinem Blog.

posted Vor 1 Jahr on Mai 22nd, 2010 at 12:44 /
tags: Weinralley Gewürztraminer Aromarebsorten Schäfer Fröhlich Tim Fröhlich
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