Ich erinnere mich noch genau, wie das damals™ war - Warnung: es folgt ein kurzer Ausflug in die Abteilung “Invaliden erzählen vom Krieg” - also nochmals: Ich erinnere mich noch genau, wie das war mit den Fanzines, damals™.
Wir hatten eine Menge zu erzählen und sonst hatten wir nichts - buchstäblich rein gar nichts. Damals, in der schlechten Zeit. Doppelseitiges Kopieren war noch nicht erfunden und Photomontagen, die hießen noch Collagen und wurden mit Pritt-Stift und Schere gemacht. Genau wie die Überschriften. Letraset? Klar, das gab es. Und was wären wir froh gewesen, wenn wir welches gehabt hätten! Aber das konnten wir uns einfach nicht leisten. Ab und an hatten wir mal ein paar Bögen von irgendeinem Kegelbruder unseres Onkels, der Grafiker war. Aber da waren dann in der Regel alle “E” schon weg und der Rest war so alt und brüchig, dass man es trotz wildesten Rubbelns kaum zum Höhepunvernünftig aufs Papier brachte. Und die Kopierer erst. Die konnten nicht nur nicht doppelseitig (obwohl, warum eigentlich nicht einfach mal versuchen…), sie konnten natürlich auch keine Farbe. Eigentlich konnten sie noch nicht mal richtiges schwarz. Nur Variationen von grau. Genauer gesagt: von mittlerem Grau. Davon dann aber jede Menge Schattierungen. Vor allem an den Stellen, die eigentlich weiß hätten bleiben sollen.
Ausgesehen hat sowas dann beispielsweise so:

oder auch so:

Die Texte natürlich alle mit der Schreibmaschine getippt. Und zwar mindestens 5mal, bis man eine einigermaßen fehlerfreie Vorlage zusammenhatte. Und wenn man damit endlich fertig war und eine kleine Auflage kopieren wollte, dann war natürlich der Kopierer im Schreibwarenladen kaputt (weil mal wieder irgendein Vollpfosten versucht hatte, beidseitig zu kopieren!) Ja, ja, damals™, das waren Zeiten, …das kommt nicht wieder, vorbei… ein für alle mal…
[…leicht röchelnde Schnarchgeräusche mit gelegentlichen Atem-Aussetzern]
…Äh, …wo war ich noch gleich stehengeblieben? Ach ja, bei “Fanzines”. Ganz dolle Dinger waren das, wirklich ganz famos. Damals™, vor rund 200 Jahren.
Heute sieht etwas, das sich Fanzine nennt, gerne mal so aus:

Durchgehend 4c, Super-Fotos, Spitzentexte sowieso. Es nennt sich “Foodfanzine” und erscheint 4mal im Jahr. Man könnte das Wort “Fanzine” fast für reine Koketterie halten, so professionell, wie das Heft daherkommt. Wären, ja wären da nicht die Texte. Die sind zwar alles andere als stümperhaft, aber doch irgendwie anders. Eben ein bißchen so wie früher. So, dass sich Begeisterung überträgt. So, dass man Respekt spürt. So, dass man weitgehend frei bleibt von Gewäsch. Und den Erzählenden trotzdem jede Menge Raum läßt. So, dass man die Texte einfach gerne liest.
Das Magazin besteht in erster Linie aus Interviews - Herr Paulsen nennt es recht zutreffend so etwas wie die Galore für Genießer – zu einem Oberbegriff, der als thematische Klammer die gesamte Ausgabe dominiert. Im aktuellen Heft lautet dieser Begriff “Superstars” und zielt auf - ich zitiere - die Speerspitze der deutschen Fernseh- und Kochstars. Es sagt übrigens eine Menge über die Ausrichtung des Magazins, dass in dieser Speerspitze nur ausgebildete Köche versammelt sind. Kein Kerner, kein Lanz - kein Biolek. Mit einer Ausnahme allerdings - die ist dafür dann aber eines der Highlights von Le Schicken4: Ruth Reichl, die ehemalige Restaurant-Kritikerin der New York Times und heutige Chefredakteurin des Gourmet Magazine gibt ein höchst lesenswertes Interview.
Ich hatte von “Le Schicken” irgendwo im Netz zum allerersten mal gehört, war kurz darauf dann noch einmal bei Herrn Paulsen darüber gestolpert und hatte mir für den Urlaub die oben abgebildete aktuelle Ausgabe (Nr. 4) besorgt. Was ich dann darin gelesen habe, hat mir dann so gefallen, dass ich mir auch noch die 3 Back-Issues besorgt habe. Mit der leichten Befürchtugng, dass sie vielleicht nicht ganz so gut bzw. interessant wären – das Gegenteil war der Fall.

Auch die anderen 3 Le-Schicken-Ausgaben (“Urbanität”, “Durchhalten”, “Provinz”) sind randvoll mit interessanten “Backstage-Geschichten aus der Gastronomie”. Der O-Ton des Herausgebers, Florian Bolk, beschreibt vielleicht am besten die besondere Haltung, die die Texte von Le Schicken im Vergleich zu den Standard-Magazinen vom Kiosk auszeichnet. Sie sind irgendwie näher dran an den Menschen, die sich hinter dem Pass für unsere Teller den Arsch aufreißen. Sie begegnen diesen Menschen auf Augenhöhe. Nicht aus der distanzierten Perspektive des Kritikers, sondern aus der eines guten Freunds. So eben, wie damals™, bei den Fanzines.
Zu kaufen ist Le Schicken bisher leider nur an ein paar ausgewählten Stellen in der Republik . Ergänzend zu der Liste auf der Website seit neuestem aber auch hier in Köln beim Buchgourmet (note to myself: der hätte eigentlich auch mal einen Artikel verdient! — EDIT: Done!) am Hohenzollernring. Aber die Bestellung per eMail funktioniert schnell und völlig reibungslos.
Ich hoffe auf noch möglichst viele lesenswerte und interessante Ausgaben.