“Bei Rezepten nehme ich mir nur eine Freiheit heraus, nämlich die Menge einer Zutat zu erhöhen, die meinen besonderen Beifall findet. Die Fallstricke dieses Ansatzes zeigten sich eines Tages bei einem sagenhaft widerlichen Gericht aus Makrelen, Martini und Semmelbröseln: Es machte die Gäste eher betrunken als satt.”
Das stammt aus:

Julian “Flauberts Papagei” Barnes, ist begeisterter Hobbykoch. Genauer gesagt, er ist Hobbykoch und - laut eigener Auskunft – Pedant. Seinem Verständnis nach bedeutet das unter anderem, sich beim Kochen stets genauestens an das Rezept zu halten. Weil er, wie er selbst sagt, im Zweifelsfall den Buchstaben auf dem Papier mehr traut, als seinem eigenen Gefühl. Eigentlich, so sollte man meinen, dürfte doch bei so einer Herangehensweise nicht mehr allzu viel schief gehen. Gut, man wird selten wirkliche Überraschungen erleben oder den persönlichen Entdecker-Stolz einer eigenen Rezept-Kreation verspüren. Aber sonst sollte es doch keine Probleme geben, oder?
“Meinem Eindruck nach können Kochbuchautoren sich nicht recht vorstellen, wie lange ein normaler Mensch mit zitternden Händen einen Teelöffel hochhält und darüber nachdenkt, ob der Inhalt eher als “gestrichen” oder “gehäuft” zu bezeichnen ist, oder der Bedeutung des Wörtchens “überflüssig” in einer Anweisung wie “von überflüssigem Fett befreien” nachspürt.”
Ah ja, stimmt, man erinnert sich, genau so war das. Damals™, als man selbst noch sehr, sehr unsicher war. Als aus Mangel an Routine in jedem Rezept Dutzende von Fallstricken lauerten. Als man regelmässig gegrübelt hat über die Frage, wie groß eigentlich eine mittlere Zwiebel ist. Und wie klein deren Würfel zu sein haben, um als “fein” zu gelten? Und selbst wenn man auf diese Fragen Antworten gefunden (also eigentlich: Entscheidungen getroffen) hatte, lauerten hinter jeder Ecke, Verunsicherung und Frustration…
Kann es tatsächlich sein, dass Kochbuchautoren an manchen Stellen sogar offensichtlichen Unsinn erzählen? Barnes Antwort lautet: Ja, natürlich tun sie das. Jedenfalls zuweilen. Und er belegt das im Buch absolut nachvollziehbar mit einem konkreten Beispiel vom großen Nigel Slater.
Das Buch ist stellenweise hochamüsant geschrieben (was sollte man auch sonst von Julien Barnes erwarten), aber es plätschert auch öfter recht belanglos vor sich hin. Es gibt großartige Momente, wie den, wo er sich bei Pomiane für den Satz “an dieser Stelle könnte sie eine leichte Depression befallen” in einem Rezept bedankt, aber dazwischen gibt es auch viel Leerlauf. Dazu ist es recht kurz - nach einem ausgedehnten Nachmittag im Freibad hatte ich es nahezu vollständig ausgelesen.
Weshalb ich das Buch trotzdem hier durchaus lobend erwähne, ist, weil ich Barnes für die Erinnerung an die Unsicherheit der Anfangstage wirklich sehr dankbar bin. Genau wie für die daran, dass es auch Menschen gibt, die zwar gerne kochen, den Ball aber trotzdem möglichst flach halten möchten. Und die Feststellung, dass es völlig in Ordnung geht, wenn man nicht versucht, ein Restaurant darzustellen. Weil man ja auch keines ist. Sondern nur jemand, der sich darauf freut, dass gleich ein paar Freunde zum essen vorbeikommen.
Ob einem diese Mahnungen unbedingt 8,50 € wert sein müssen, mag man durchaus bezweifeln. Ein schönes Mitbringsel zu Essenseinladungen aber ist das Buch allemal. Die Anfänger und Nicht-ganz-so-ambitionierten unter den Köchen werden sich bestätigt sehen und das schöne Gefühl haben, nicht allein zu sein. Und die Erfahreneren werden sich an ihre Anfänge erinnern. Ein besseres Mitbringsel als 99 % des ”Um-die-zehn-Euro”-Tands, der die Kassenbereiche der Kochläden dieser Republik genau zu diesem Zwecke zumüllt, ist es allemal.
Erschienen ist der Band bei Kiepenheuer und Witsch und die Paperback-Ausgabe ist nach wie vor im Buchhandel oder bei Amazon
zu erwerben.